10 Testleser - 20 Meinungen

Auf der Buchmesse in Leipzig habe ich die Agentur-Kollegin Lea Melcher kennengelernt. Wie es im Netz eben so geht, haben wir uns über die Monate per Mail intensiver ausgetauscht und arbeiten locker zusammen, was mir bisher sehr, sehr gut gefällt!

Lea hat jetzt ihr erstes Manuskript abgegeben. Wie es ihr dabei geht, könnt Ihr hier nachlesen.

Ich habe ihr kurz vorher eine Mut-Mach-Mail geschrieben. Lea schreibt:

 

"Ach ja, besonders gefallen hat mir: 10 Leser, 20 Meinungen"


Und zu dieser Rückmeldung muss ich noch etwas hinzufügen: Das war eher untertrieben. Mein Problem ist und bleibt ein Reflex, es allen recht machen zu wollen. Bei mir lief das zum Beispiel so ab:


Buchszene wird von 3 Lesern testgelesen:

  • Leser 1: Gefällt mir nicht
  • Leser 2: Naja, kann man ändern, muss aber nicht
  • Leser 3: *meldet sich nicht zurück* 

Nach erster Überarbeitung der Szene:

  • Leser 3: Och, ich fand die toll, wie die vorher war
  • Leser 1: Das hab' ich so gar nicht gemeint, sondern...
  • Leser 2: Jetzt ist viel besser

Nach teilweiser Zurücknahme der Änderung:

  • Leser 1: Jetzt ist super!
  • Leser 3: Nee, jetzt ist es nichts Halbes, nichts Ganzes mehr
  • Leser 2: Ist prima, aber wegen mir hättest du es ja nicht ändern müssen...
  • Autor: *schreit hysterisch und lässt es dann so*

Nach Abgabe an den Verlag:

  • Lektor: Hm, die Szene müssen wir aber nochmal überarbeiten.
  • Autor: Aber die Testleser...
  • Lektor: Ja, Testleser...
Kommentare:

JL Sunday 08. July 2012, 15:38

Ich weiß genau, was Du meinst, und glaube, die einzige Möglichkeit, diesen Knoten zu durchtrennen, ist, wieder mehr Zutrauen in die eigene Meinung zu finden. Als Flowchart liefe das vielleicht so ab:

Leute finden, ich soll etwas ändern.

– Ich finde das auch: Ich ändere es.
– Ich finde das nicht:

–– Es sind aber wirklich sehr viele Leute.
––– Ich bin von der Szene, wie sie ist, total überzeugt. Gleichzeitig ist es für den Rest des Buchs nicht weiter schlimm, wenn die Mehrzahl der Leser sie anders wahrnimmt als ich: Ich ändere es nicht.
––– Sonst: Ich ändere es.

–– Es sind zwar nur Einzelmeinungen, aber sehr überzeugend begründet.
––– Ich bin von der Szene, wie sie ist, total überzeugt. Gleichzeitig ist es für den Rest des Buches nicht weiter schlimm, wenn einige sehr überzeugende Leser sie anders wahrnehmen als ich: Ich ändere es nicht.
––– Die Einzelmeinung kommt aber von jemand, der mir sehr am Herzen liegt: Ich ändere es.
––– Sonst: Ich ändere es.

–––– Ich habe aufgrund meiner Leser eine Szene geändert, oder ich bin stur geblieben. Jetzt findet aber mein Lektor, ich soll sie ändern.

––––– Ich bin von der vorliegenden Fassung nun wirklich überzeugt: Ich ändere es nicht (ca. 20-30 % der Fälle).
––––– Ich bin von der vorliegenden Fassung zwar überzeugt, aber meine Sturheit wird das Arbeitsverhältnis unnötig belasten: Ich ändere es (ca. 10 % der Fälle).
––––– Ich weiß selbst nicht mehr, was ich will, und wahrscheinlich ist es für das Karma der Welt auch egal: Ich ändere es (ca. 60-70 % der Fälle).

Lea Monday 09. July 2012, 14:30

Solche Worte haben in "Zeiten wie meinen" (Wartezeiten brutalster Art ;-) einen unschätzbaren Wert. Vielen Dank nochmals dafür - und natürlich für die Erwähnung!

"Ja, die Testleser ..."

Ich bin schon so gespannt, was da auf mich zukommt !!!

Tom Tuesday 10. July 2012, 14:54

Du weißt in 60% - 70% der Fälle nicht mehr, was du willst? Autsch... du erwähntest ja bereits, dass du so vorgehst, aber das es so oft vorkommt? Ich fühle mich in den meisten Fällen von den Testlesern/ Lektoren überzeugt. Aber vielleicht rede ich mir das auch nur ein?

Seit ich diesen Beitrag verfasst habe, stelle ich fest, dass ich die Leser auch in bestimmte Kategorien einteilen könnte. Ich überlege allerdings noch, wie ich dazu einen Beitrag schreibe, ohne dass sich jemand von ihnen wieder erkennt ;-)

Tom Tuesday 10. July 2012, 14:56

@Lea: Erwähnung, aber klar doch! Ich bin auch gespannt auf deinen "Sechstling"

JL Monday 06. August 2012, 12:33

Späte Antwort (ich sollte mich wirklich irgendwie per Email über Kommentare benachrichtigen lassen): Diese 60-70% der Fälle, von denen ich sprach, beziehen sich wirklich nur auf Änderungsvorschläge, und zwar in dem Zustand, den ich im Lektorat erreicht habe. Also nicht 60-70% des Gesamttextes.

In der Erstfassung glaube ich immer zu wissen, was ich will. Nach mehreren Verhandlungsdurchläufen dann gibt es dann aber so viele widerstreitende Meinungen, dass ich mich verunsichert fühle. Richtiger wäre also zu sagen: Ich weiß, was ich will, bin mir aber nicht mehr sicher, wie ich das bestmöglich auf den Punkt bringe; und das KO-Kriterium ist dann das "wahrscheinlich ist es auch egal".

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